Floriographie: Die wahre Geschichte der Blumensprache

Zuletzt aktualisiert: Juli 2026

Warum bedeutet die rote Rose Liebe? Wer hat festgelegt, dass Vergissmeinnicht für Treue stehen? Die Antwort ist rund 300 Jahre alt — und überraschend anders, als die meisten denken. Die Floriographie, die „Sprache der Blumen“, gilt als uralte orientalische Geheimsprache. In Wahrheit wurde sie großteils in europäischen Salons erfunden. Das ist ihre Geschichte.

1717: Ein Brief aus Konstantinopel

Alles beginnt mit Lady Mary Wortley Montagu, Ehefrau des englischen Botschafters im Osmanischen Reich. In ihren Briefen aus Konstantinopel (1717/18) beschreibt sie den „Sélam“ — angeblich eine Geheimsprache, mit der Frauen im Harem über Blumen und Objekte Botschaften austauschten, ohne je „die Finger mit Tinte zu beschmutzen“. Als ihre Briefe 1763 veröffentlicht wurden, war das gebildete Europa elektrisiert: eine geheime Blumensprache aus dem Orient!

Der Mythos: Die Geheimsprache, die keine war

Nur: So stimmte es nicht. Die Forschung (unter anderem die Literaturwissenschaftlerin Beverly Seaton) hat nachgezeichnet, dass der Sélam in Wahrheit ein Reimspiel war — Gegenstände standen für Wörter, die sich auf sie reimten, nicht für symbolische Bedeutungen. Die „uralte orientalische Blumensprache“ war eine europäische Projektion, geboren aus der Orient-Begeisterung des 18. Jahrhunderts. Die Bedeutungen, die wir heute kennen, wurden nicht im Harem festgelegt — sondern in Paris.

1819, Paris: Das Buch, das alles definierte

1819 erschien „Le langage des fleurs“ von Charlotte de la Tour — hinter dem Pseudonym steckte die Französin Louise Cortambert. Ihr Buch ordnete hunderten Blumen feste Bedeutungen zu und wurde das Standardwerk: übersetzt, kopiert, plagiiert in ganz Europa. Viele Bedeutungen, die du heute in jedem Ratgeber findest — auch in unserer Blumensprache-Übersicht —, gehen im Kern auf dieses eine Pariser Buch zurück.

Die viktorianische Blumensprache: Flüstern per Strauß

Ihren Höhepunkt erreichte die Floriographie im viktorianischen England. In einer Gesellschaft, in der offene Gefühlsäußerungen als unschicklich galten, wurde der Strauß zum Kommunikationskanal: kleine „Tussie-Mussies“ (Duftsträußchen) transportierten Botschaften, Blumenwörterbücher gehörten in jeden Salon — das berühmteste illustrierte die Künstlerin Kate Greenaway („Language of Flowers“, 1884).

Die komische Fußnote: Die Wörterbücher widersprachen einander ständig. Dieselbe Blume konnte je nach Buch Liebe, Eifersucht oder Abschied bedeuten — wer sicher gehen wollte, musste hoffen, dass Absender und Empfängerin dasselbe Wörterbuch besaßen. Ein Kommunikationssystem mit eingebautem Missverständnis.

Und heute? Von der Floriographie zum Emoji

Die Blumensprache ist nie verschwunden — sie ist nur geschrumpft. Aus hunderten Vokabeln wurden ein paar stabile Klassiker, die bis heute jeder versteht: rote Rosen für die Liebe, Vergissmeinnicht für die Erinnerung, weiße Lilien für Abschied und Würde. Und die 🌹 im Chat ist nichts anderes als Floriographie im Taschenformat. Wie viele Rosen du schenken solltest und welche Regeln beim Schenken gelten, haben wir in eigenen Ratgebern aufgeschlüsselt — der modernen Fortsetzung eines 300 Jahre alten Gesprächs.

Häufige Fragen zur Floriographie

❓ Was ist Floriographie?
Die „Sprache der Blumen“: ein System, in dem Blumen und ihre Farben feste Bedeutungen tragen — rote Rosen für Liebe, Vergissmeinnicht für Treue. Populär wurde es im 19. Jahrhundert, der Begriff leitet sich von lateinisch flos (Blume) und griechisch graphein (schreiben) ab.
❓ Ist die Blumensprache wirklich eine alte orientalische Geheimsprache?
Nein — das ist der große Mythos. Der osmanische „Sélam“ war ein Reimspiel, keine Symbolsprache. Die Bedeutungen, die wir kennen, wurden vor allem 1819 in Paris („Le langage des fleurs“) festgeschrieben und im viktorianischen England popularisiert.
❓ Was ist die viktorianische Blumensprache?
Die Hochphase der Floriographie im England des 19. Jahrhunderts: Weil offene Gefühlsäußerungen als unschicklich galten, verschickte man Botschaften über kleine Sträuße („Tussie-Mussies“) — dekodiert mit Blumenwörterbüchern wie dem von Kate Greenaway (1884).
❓ Gilt die Blumensprache heute noch?
Ein Kernbestand ja: rote Rosen (Liebe), weiße Lilien (Würde/Abschied), Vergissmeinnicht (Erinnerung) versteht bis heute jeder. Die feinen Vokabeln von 1819 sind dagegen Geschichte — wer auf Nummer sicher gehen will, schaut in unsere Blumensprache-Übersicht.

Stand: Juli 2026 | Quellenbasis: Montagus „Turkish Embassy Letters“ (1717/18, publiziert 1763), Cortambert/de la Tour „Le langage des fleurs“ (1819), Kate Greenaway „Language of Flowers“ (1884) sowie die Forschung von Beverly Seaton („The Language of Flowers: A History“, 1995) zur Sélam-Fehldeutung.

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